Miteinander sprechen, nicht übereinander

Was der Ansatz des Open Dialogue aus Finnland mit unserer Arbeit in Potsdam zu tun hat.

Stellen Sie sich vor: Eine Person in einer psychischen Krise muss nicht erst wochenlang warten. Innerhalb von 24 Stunden findet ein erstes Gespräch statt – nicht hinter verschlossenen Türen, nicht unter Fachleuten, die danach berichten, was sie besprochen haben. Sondern gemeinsam: mit der betroffenen Person, mit Angehörigen, mit dem sozialen Umfeld, mit den Professionellen – alle am gleichen Tisch, alle mit der gleichen Stimme.

Das ist der Kern des Offenen Dialogs (Open Dialogue, OD). Und er klingt so einfach, dass man sich fragt, warum er noch nicht selbstverständlich ist.

Was ist der Offene Dialog?

Der Offene Dialog wurde in den 1980er Jahren in Westlappland (Finnland) durch Jaakko Seikkula und sein Team entwickelt – als Antwort auf eine psychiatrische Versorgungslandschaft, die wenig Raum für echte Begegnung ließ. Die Ergebnisse waren bemerkenswert: In Langzeitstudien benötigte ein Großteil der Betroffenen keine dauerhafte Medikation, war wieder in Ausbildung oder Arbeit integriert, und Krankenhausaufenthalte wurden deutlich seltener.

Dem Ansatz liegen sieben Grundprinzipien zugrunde:

  1. Unmittelbare Hilfe – ein erstes Gespräch innerhalb von 24 Stunden nach Kontaktaufnahme
  2. Einbeziehung des sozialen Netzwerks – Angehörige und wichtige Bezugspersonen werden aktiv einbezogen
  3. Flexibilität und Mobilität – die Unterstützung passt sich den Bedürfnissen der Betroffenen an, in Bezug auf Ort, Zeit und Inhalte
  4. Verantwortungsübernahme durch das Team – ein konstantes, verlässliches Team begleitet den gesamten Prozess
  5. Psychologische Kontinuität – stabile Beziehungen schaffen Vertrauen und Sicherheit
  6. Dialogische Kommunikation – Verstehen geht vor Lösung; niemand wird mit Ratschlägen überwältigt
  7. Toleranz gegenüber Unsicherheit – es entsteht Raum für Entwicklung, anstatt vorschnell zu schließen

Was den Offenen Dialog von anderen Ansätzen unterscheidet, ist weniger eine Technik als eine Haltung: Gespräche finden grundsätzlich im Beisein der Betroffenen statt. Es gibt keine „Hinterzimmergespräche”. Entscheidungen werden gemeinsam entwickelt. Jede Stimme zählt.

📺 Wie das in der Praxis aussieht und wie der Ansatz in Finnland entstanden ist, zeigt diese Dokumentation.

Wie lässt sich der Offene Dialog in die eigene Arbeit einfließen lassen?

Der Offene Dialog ist kein proprietäres System, das man entweder vollständig einführt oder gar nicht. Viele seiner Elemente lassen sich schrittweise in bestehende Arbeitsweisen integrieren – auch ohne vollständige Strukturreform.

Konkret bedeutet das zum Beispiel:

In Einzelgesprächen und Fallbesprechungen kann man beginnen, öffnende Fragen zu stellen statt erklärende Aussagen zu machen: „Was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste, worüber wir heute sprechen sollten?” statt „Ich habe beobachtet, dass…”. Beobachtungen werden als subjektive Eindrücke formuliert, nicht als Wahrheiten.

In Netzwerkgesprächen und Behandlungskonferenzen (dazu gleich mehr) lässt sich das Prinzip der Allparteilichkeit einüben: Nicht eine Sichtweise durchsetzen, sondern alle Perspektiven hörbar machen – auch die leisesten, auch die widersprüchlichen.

In Team-Fallbesprechungen kann das Prinzip des Reflektierenden Teams nach Tom Andersen eingeführt werden: Professionelle tauschen ihre Eindrücke im Beisein der Betroffenen offen aus – unterschiedlich, manchmal sogar gegensätzlich. Das klingt ungewohnt, weil wir es uns zur Gewohnheit gemacht haben, vor Klient:innen Einigkeit zu zeigen, auch wenn sie gar nicht besteht. Doch gerade diese Offenheit schafft Vertrauen.

Für Träger und Einrichtungen bietet der Ansatz auch organisatorische Gewinne: weniger Eskalationen, klarere Kommunikationsstrukturen, mehr Handlungssicherheit für Mitarbeiter:innen – und nicht zuletzt Entlastung durch geteilte Verantwortung.

Offener Dialog und GPV – warum passt das zusammen?

In Potsdam wird derzeit diskutiert, ob und wie ein Gemeindepsychiatrischer Verbund (GPV) entstehen könnte – eine verbindliche Kooperationsstruktur der wesentlichen Versorgungsanbieter in der Region. Was hat das mit dem Offenen Dialog zu tun?

Mehr als man zunächst denkt.

Der Offene Dialog benötigt verlässliche, trägerübergreifende Zusammenarbeit: Ein konstantes Team, das Verantwortung übernimmt, muss sich auf klare Absprachen, gemeinsame Qualitätsstandards und funktionierende Kommunikationswege stützen können. Genau das schafft ein GPV – er macht aus nebeneinander arbeitenden Einrichtungen Kooperationspartner mit gemeinsamer Verantwortung.

Umgekehrt bringt der Offene Dialog eine dialogische Haltung in die Strukturarbeit ein, die einem GPV gut tut: Gemeinsame Fortbildungen, gegenseitige Hospitationen, trialogische Qualitätsentwicklung. Wo im GPV aus Zuständigkeit gemeinsame Verantwortung wird und aus Klientinnen handlungsfähige Bürgerinnen, schafft der Offene Dialog die kommunikative Grundlage dafür.

Die Kombination ist kein Zufall: Einige der am weitesten entwickelten GPV-Modelle in Deutschland – etwa in Berlin-Reinickendorf oder Erfurt – haben dialogische Arbeitsweisen bewusst in ihre Kooperationskultur integriert.

„Alle reden über mich” – wie verhindert man Überforderung?

Das ist eine der drängendsten Fragen, wenn Netzwerkgespräche oder Behandlungskonferenzen geplant werden: Wie verhindert man, dass sich Klient:innen vorgeführt fühlen, wenn plötzlich viele Menschen am Tisch sitzen?

Die Antwort liegt nicht in der Zahl der Anwesenden, sondern in der Haltung aller Beteiligten – und in der Struktur des Gesprächs.

Einige Grundsätze, die sich in der Praxis bewährt haben:

Die betroffene Person bestimmt mit, wer eingeladen wird. Nicht das Team lädt ein – die Person entscheidet, wer zu ihrem Netzwerk gehört und wer an einem Gespräch teilnehmen soll. Diese Entscheidungshoheit ist kein formaler Akt, sondern ein erster Schritt in Richtung Selbstbestimmung.

Das Gespräch beginnt mit der Frage, was die Person selbst für dieses Gespräch braucht. Nicht mit einer Problemdarstellung der Fachleute. „Was ist Ihnen heute wichtig? Worüber möchten Sie sprechen?” – diese einfache Umkehrung verändert die Dynamik erheblich.

Kein Gespräch findet ohne die Betroffenen statt. Dieses Prinzip klingt selbstverständlich, ist es aber in vielen Versorgungssettings nicht. Behandlungskonferenzen, Fallbesprechungen, Hilfeplanrunden – sie finden oft zuerst unter Professionellen statt, und die betroffene Person erfährt danach, was besprochen wurde. Der Offene Dialog dreht das um: Alles Wesentliche wird im Beisein der Person gesagt. Keine Informationen, die „zu belastend” wären, werden zurückgehalten und separat ausgetauscht.

Professionelle reflektieren im Beisein der Person – nicht über sie. Wenn Fachleute innerhalb eines Netzwerkgesprächs ihre Eindrücke und Gedanken laut teilen (das sogenannte Reflektierende Team), geschieht das im Beisein aller. Die Klient*in hört zu, ohne angeschaut zu werden. Das vermittelt das Gefühl, wirklich gesehen und ernst genommen zu werden – und schafft inneren Raum für eigene Gedanken.

Unsicherheit wird ausgehalten, nicht überspielt. Fachleute, die im Konjunktiv sprechen („Ich frage mich, ob…”„Es könnte sein, dass…”), signalisieren: Hier ist noch nichts entschieden. Hier wird gemeinsam nachgedacht. Diese Offenheit schützt davor, dass Klient*innen mit fertigen Lösungen konfrontiert werden, bevor sie selbst zu Wort gekommen sind.

Das Tempo gehört den Betroffenen. Verlangsamung ist kein Zeitverlust, sondern Qualitätsmerkmal. Ein Gespräch, das innehält, das Pausen zulässt, das nicht schon am Ende ist, bevor die wichtigsten Dinge gesagt wurden, schafft mehr Verbindlichkeit als ein effizient moderiertes Meeting.

Haltung vor Methode

Volkmar Aderhold, einer der wichtigsten deutschen Vertreter des Ansatzes, formuliert es so: Grundsätzlich sind die Art des Denkens, die Haltung und die Art der Begegnung wichtiger als die verwendeten systemischen Methoden.

Das heißt: Man muss keine vollständige OD-Ausbildung abgeschlossen haben, um mit dialogischen Prinzipien zu arbeiten. Wer aufmerksam zuhört statt zu erklären, wer Beobachtungen als eigene Perspektive formuliert statt als Wahrheit, wer Gespräche verlangsamt statt beschleunigt, wer die betroffene Person als Expertin ihrer eigenen Situation ernst nimmt – der arbeitet bereits im Geist des Offenen Dialogs.

Augenhöhe entsteht nicht durch guten Willen allein. Sie entsteht durch strukturelle Entscheidungen: Wer sitzt am Tisch? Wessen Anliegen eröffnet das Gespräch? Wessen Worte werden zurückgespiegelt? Wer entscheidet, wann das Gespräch zu Ende ist?

Offener Dialog in Potsdam – Fortbildung bei der Pinel in Berlin

Die Stiftung Pinel in Berlin bietet seit 15 Jahren eine berufsbegleitende Fortbildung in Familien- und Netzwerktherapie – Offener Dialog an. Das Curriculum wurde von und mit Dr. Volkmar Aderhold entwickelt und wird von einem multiprofessionellen, trialogischen Trainer:innen-Team durchgeführt.

Der neue Fortbildungszyklus (Kurs 23) startet im Juli 2026. Er umfasst acht zweitägige Workshops über ca. acht Monate und schließt mit einem Zertifikat ab. Themen reichen von der Einführung in den Offenen Dialog und das Reflektierende Team über Netzwerkgespräche in Krisen bis zu zirkulären Fragen und dem Umgang mit Geheimnissen in Netzwerken.

Die Fortbildung ist als Bildungsurlaub nach dem Berliner Bildungszeitgesetz (BiZeitG) anerkannt – auch für Personen, die in Brandenburg oder anderen Bundesländern arbeiten.

Weitere Informationen und Anmeldung: weiterbildung@pinel.de bzw. www.pinel.de/angebote/weiterbildung-offener-dialog

Die Fortbildung richtet sich ausdrücklich auch an Erfahrungsexpert*innen, Menschen mit eigener Krisenerfahrung und Angehörige – nicht nur an klinische Fachkräfte.


Zum Weiterlesen

Wer tiefer einsteigen möchte, findet folgende Materialien auf dieser Website:

Bild: Heyho Visual for Unsplash+